Alle zwei Jahre lobt Amnesty International einen Menschenrechtspreis aus, den die Stiftung Menschenrechte finanziert.
Geehrt werden Menschen, die mit Mut die Menschlichkeit verteidigen, die sich Gefahren und Repressionen aussetzen, um anderen zu helfen, die ihre Stimmen erheben, wo sie zum Verstummen gebracht werden sollen, die retten, wo andere wegsehen.

Mitglieder der Iuventa10-Crew

2020: die Seenotretter

10. Amnesty-Menschenrechtspreis
Seit 2017 ermittelt die italienische Justiz – wegen Beihilfe zur illegalen Einreise – gegen zehn Besatzungsmitglieder des Schiffs „Iuventa“, die geflüchtete Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer gerettet haben.
Amnesty hat diese Besatzungsmitglieder – die aus Deutschland, England, Spanien und Portugal kommen – für ihren Mut und ihr vorbildliches menschenrechtliches Engagement 2020 mit dem Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

Rund 200 wechselnde Crewmitglieder haben zwischen Juli 2016 und August 2017 auf dem Rettungsschiff „Iuventa“ ehrenamtlich gearbeitet. In dieser Zeit haben sie unter Wahrung internationalen Rechts mehr als 14.000 Menschen aus Seenot gerettet und wurden dafür – aus offensichtlichen politischen Gründen – von den italienischen Strafverfolgungsbehörden ins Visier genommen. Die Iuventa wurde verwanzt, Telefonate abgehört, verdeckte Ermittler eingesetzt. Die Ermittlungen gegen die „Iuventa 10“ dauern an.

 

Website der Iuventa10

Die Leiterinnen des Nadeem-Zentrums

2018: das Nadeem-Zentrum Ägypten 

9. Amnesty-Menschenrechtspreis
Das Nadeem-Zentrum für die Rehabilitierung von Opfern von Gewalt und Folter in Kairo dokumentiert seit mehr als 20 Jahren Folter durch ägyptische Sicherheitskräfte und betreibt die einzige Spezialklinik zur Behandlung Überlebender von Folter und Gewalt im Land. Seit 2016 gehen die Behörden massiv gegen die Organisation vor.

Die ägyptische Staatsführung leugnet den Einsatz von Folter. Sicherheitskräfte haben immer wieder versucht, das Zentrum an seiner Arbeit zu hindern. Die Konten der Organisation wurden 2016 vorübergehend eingefroren und zwei der Gründerinnen wurden mit Ausreiseverboten belegt. Im Februar 2017 drangen Sicherheitskräfte in die Klinikräume des Nadeem-Zentrums ein und versiegelten diese. Ihre Arbeit setzt die Organisation trotzdem fort.

 

„Mit dem Preis an das Nadeem-Zentrum würdigt Amnesty International dessen wichtige Rolle für Menschenrechte in Ägypten. Unter schwierigsten Bedingungen versorgen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nadeem-Zentrums Folterüberlebende medizinisch und psychologisch und machen die schweren Menschenrechtsverletzungen öffentlich“, heißt es in der Begründung von Amnesty für die Auszeichnung. Der Preis soll all die mutigen Frauen und Männer unterstützen, die sich in Ägypten unter Lebensgefahr gegen Folter, Gewalt und Willkür einsetzen.

Bild (von links): Dr. Mona Hamed, Dr. Aida Seif al-Dawla, Dr. Magda Adly und Dr. Suzan Fayad, die Leiterinnen des Zentrums

Website des Nadeem-Zentrums

Henri Tiphagne

2016: Henri Tiphagne aus Indien

8. Amnesty-Menschenrechtspreis

„Wenn jemand diese Auszeichnung verdient, dann Henri Tiphagne. Er setzt sich seit Jahrzehnten unermüdlich für die Menschenrechte in Indien ein“, sagte Tara Rao, Programmdirektorin von Amnesty International in Indien, anlässlich der Preisverleihung in Berlin. „Die Situation für Menschen, die sich in Indien für Menschenrechte einsetzen, ist momentan äußerst problematisch. Das Land braucht mehr Aktivisten wie Henri Tiphagne, die sich für die Rechte anderer stark machen.“

Seit 2010 hat People’s Watch systematisch ein Netzwerk engagierter Menschen in Indien aufgebaut. Diese Menschen setzen sich gegen Korruption, für Minderheitenschutz, für Gerechtigkeit, Umweltschutz und sexuelle Selbstbestimmung ein.

 

Website von People`s Watch

 

Mehr Informationen zur Arbeit von Henri Tiphagne auf dieser Website

Alice Nkom

2014: Alice Nkom aus Kamerun

7. Amnesty-Menschenrechtspreis

Sie ist eine der großen mutigen Figuren im Kampf um die Würde des Menschen, aller Menschen, unabhängig davon, wie sie leben und wen sie lieben. Die Rechtsanwältin aus Kamerun verteidigt Menschen, die wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Identität vor Gericht stehen. Und das ist gefährlich: In ihrem Land wird Homosexualität nicht nur strafrechtlich verfolgt. Nicht-heterosexuelle Verhaltensweisen sind auch gesellschaftlich stark tabuisiert und geächtet. Immer wieder erhält sie wegen ihrer Tätigkeit Todesdrohungen.
2014 hat Amnesty der Rechtsanwältin Alice Nkom aus Kamerun den Menschenrechtspreis verliehen.

2003 hatte sie die Nichtregierungsorganisation ADEFHO für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transgender gegründet. Es war die erste Organisation in Kamerun, die sich diesem Aufgabengebiet widmete. ADEFHO bietet medizinische Behandlung, psychologische Beratung, sexuelle Aufklärung, Mediation, Sicherheitstrainings und Rechtsberatung an.

 

„In einem Klima der täglichen Bedrohung kämpfen die Menschenrechtsverteidigerin Alice Nkom und ihre Mitarbeiter unter Lebensgefahr für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transgender in Kamerun“, begründet Amnesty International den Preis. Alice Nkom sei ein Vorbild für Aktivist*innen in ganz Afrika.

 

Nach der Verleihung des Menschenrechtspreises ordnete der Justizminister Kameruns an, keine weiteren Verhaftungen wegen Homosexualität mehr vorzunehmen.

 

 

Website der Organisation ADEFHO

Abel Barrera

2011: Abel Barrera aus Mexiko

6. Amnesty-Menschenrechtspreis

„Hier zu leben, heißt krank geboren zu werden, mit Hunger und in der Dunkelheit zu leben, die der Analphabetismus bedeutet…die Justiz ist unerreichbar für die indigenen Völker. Sie müssen drei Stunden aus den Bergen kommen, sie müssen Spanisch sprechen, was nur wenige können, sie brauchen einen Anwalt, den sie nicht bezahlen können. Wir eröffnen ihnen Zugang zur Justiz, stellen Übersetzer.“
So beschreibt der Menschenrechtsaktivist Abel Barrera die Lage im mexikanischen Bundesstaat Guerrero.

1994 hat er dort das Menschenrechtszentrum „Tlachinollan“ gegründet, das sich einsetzt für die Rechte der Indigenen, sie unterstützt in ihrem Kampf gegen die Straflosigkeit der Täter und gegen Gewalt.

Das Zentrum unterstützt sie in ihrem Kampf gegen die Straflosigkeit der Täter und gegen Gewalt. Unter Inkaufnahme ganz erheblicher Gefahren für sich selbst gehen die Mitarbeiter der Organisation Fällen von Verschwindenlassen und Übergriffen durch das Militär nach. Und sind tatsächlich immer wieder erfolgreich: Auf Initiative von Anwält*innen des Zentrums befasste sich der Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte bereits mehrfach mit Vergewaltigungen und Misshandlungen, die dem Militär zur Last gelegt wurden und verurteilte den mexikanischen Staat zu Schadensersatzzahlungen.

 

Barrera und die Tlachinollan-Mitarbeiter setzen sich seit 1994 unermüdlich und unter hohem persönlichen Risiko für die Rechte der indigenen Bevölkerung im Bundesstaat Guerrero ein. Dank der strategischen Arbeit wirkt Tlachinollan über Guerrero hinaus und trägt zur Stärkung der Menschenrechte in ganz Mexiko bei.

 

Website von Tlachinollan

 

Mehr Informationen zur Arbeit von Tlachinollan auf dieser Website

Jenni Williams

2009: Women of Zimbabwe Arise (WOZA) aus Simbabwe

5. Amnesty Menschenrechtspreis 

„Simbabwe befindet sich in einem unerklärten Bürgerkrieg“, sagte die Gründerin der Organisation WOZA Jenni Williams in ihrer Dankesrede bei der feierlichen Verleihung des Menschenrechtspreises von Amnesty 2009 im Berliner Ensemble. „Statt Kugeln setzt das Mugabe-Regime jetzt Hunger gegen die Menschen Simbabwes ein und vernichtet gleichzeitig das Vertrauen in ein demokratisches und rechtsstaatliches System. Das sind ausgefeilte Formen mentaler und körperlicher Folter.“
Seit 2003 tritt WOZA für die Einhaltung der Menschenrechte in Simbabwe ein.

Obwohl immer wieder Mitglieder von WOZA in Haft geraten und brutaler Repression ausgesetzt werden, zählt die Bewegung inzwischen etwa 35.000 Mitglieder und ist damit die größte zivilgesellschaftliche Organisation des Landes.

 

„WOZA ist ein Beispiel für ganz Afrika“, sagte die Laudatorin Delphine Djibairé, Menschenrechtsanwältin aus dem Tschad. „Afrikanische Frauen müssen zwei Kämpfe gleichzeitig austragen: Zum einen müssen die Männer sie als gleich berechtigte und gleich befähigte Menschen anerkennen. Und sie müssen die Menschenrechte durchzusetzen, um die Lebensbedingungen für die Menschen zu verbessern. Denn das wird nur über die Frauen gelingen.“
Williams dankte Amnesty International für zahlreiche Aktionen zugunsten inhaftierter WOZA-Mitglieder. „Diese Aktionen sind für unser Überleben unerlässlich, denn sie zeigen den Tätern, dass die Welt sie beobachtet.“

 

Und diese Beobachtung tut auch nach der Absetzung des langjährigen Präsidenten Robert Mugabe im Jahr 2017 not: Die Menschenrechtssituation in Simbabwe verschlechtert sich erneut drastisch. Politische Räume werden eingeschränkt, Proteste aufgelöst, Oppositionelle verhaftet und Menschenrechtsgruppen bedroht.

Monira Rahman

2006: Monira Rahman Bangladesh

4. Amnesty-Menschenrechtspreis

Gewalttaten gegen Frauen sind in vielen Ländern zu verzeichnen. Aber Säureattentate, bei denen man die Gesichter der angegriffenen Frauen verätzt, um sie für immer zu entstellen, werden vor allem in Indien, Pakistan und Bangladesch verübt.
Nach einer Studie der Vereinten Nationen im Jahr 2003 kamen Verbrechen gegen Frauen nirgendwo auf der Welt häufiger vor als in Bangladesch.

1999 hat die Menschenrechtlerin Monira Rahman in Bangladesch die „Acid Survivors Foundation“ (ASF) gegründet.

Eine Organisation, die Überlebende von Säureattentaten betreut und kämpft für die Ächtung dieser Verbrechen. Die Täter sind in der Regel Männer, ihre Motive unterschiedlich: von sexueller Abweisung durch die Frau bis hin zu Streitigkeiten über Mitgift und Landbesitz.

 

2006 verleiht Amnesty Monira Rahman den Menschrechtspreis mit der Begründung: „Monira Rahman und die ASF haben eine der feigsten und grausamsten Arten von Gewalt gegen Frauen in der Welt aufgedeckt. Sie hat die Selbstzufriedenheit der Gesellschaft herausgefordert, die Ungerechtigkeit benannt – und sie hat den Überlebenden Hoffnung gegeben!“

 

In ihrer Dankesrede sagte Rahman: „Seit 1999 hat die ASF 1.148 Überlebende von Säureattentaten betreut, das sind 1.148 menschliche Schicksale. Bis heute habe ich keine Antwort darauf, warum ein Mensch einen anderen Menschen mit Säure angreift. Säureattentate sind eine schwere Menschenrechtsverletzung!“

 

Nur wenige Täter kommen vor Gericht, viele einigen sich außergerichtlich mit der Familie des Opfers; nicht selten verhindern korrupte Polizisten und Richter einen Prozess.
An dieser Lage hat sich grundsätzlich nichts geändert. Auch wenn die Zahl der Säureattentate in den letzten Jahren gesunken ist, kam es auch 2020 wieder zu Säureangriffe auf Frauen, die teilweise nicht einmal 18 Jahre alt waren.

 

Website der Organisation

 

Copyright der Fotos auf dieser Seite: Amnesty International, Stiftung Menschenrechte, Paul Lovis Wagner (Iuventa 10)